Kenianische Bäuerinnen erkunden bayerische Ernährungswirtschaft

Seit zwei Jahren unterstützen wir – die bayerischen Landfrauen – unsere kenianischen Berufskolleginnen in Fragen der Interessenvertretung, in der praktischen Milchviehhaltung und einer verbesserten Ernährung.
Dazu gehören auch gegenseitige Besuche. Dieses Mal organisierte unser Projekt ein Ernährungsseminar in Bayern für acht kenianische Landfrauen. Vom 29. Juli bis zum 08. August 2019 kamen sie zu uns, um sich zum Thema „Ernährung“ auszutauschen und fortzubilden. Dabei waren Lehrerinnen vom Landwirtschaftsamt und von lokalen NGOs,  von unserem Projekt geschulte Trainerinnen und eine Vertreterin des kenianischen Landfrauenverbandes, mit diesen Frauen haben wir unsere Ernährungstrainings in Westkenia durchgeführt.
Wir hatten ein umfassendes abwechslungsreiches Programm zusammengestellt, das die Vielfalt unserer Landwirtschaft widerspiegelt und zeigt, wie die Bauernfamilien damit ihren Lebensunterhalt verdienen können. Wichtig war es uns zu zeigen, dass auch bei uns die Betriebe klein angefangen haben. In den neun Tagen sollten die Kenianerinnen Einblick in die Ausbildung, in verschiedene Produktionsbereiche sowie in die Verarbeitung und die Vermarktung bekommen.

 

Wir begannen unsere Besichtigungstour bei der Bäckerei Eberl in Bichl, Mitglied der Solidargemeinschaft OBERLAND, einer der zehn Solidargemeinschaften von „UNSER LAND“. Marianne Wagner von „UNSER LAND“ stellte den Gästen zunächst das Konzept des regionalen Netzwerkes vor. Ziel von „UNSER LAND“ ist der Erhalt der Lebensgrundlagen von Menschen, Tieren und Pflanzen in der Region. Lebensmittelerzeuger und Verbraucher arbeiten dabei Hand in Hand – aus der Region für die Region. Die ken. Frauen waren sehr erstaunt darüber, dass sich Mitglieder ehrenamtlich für den Auf- und Ausbau dieses Konzeptes aus Überzeugung engagieren. „Das gäbe es bei uns nicht“.

 

Beim Rundgang durch die Bäckerei zeigte Bäckermeister Josef Eberl den Weg vom Getreide über den Teig bis hin zu den fertigen Backwaren. Interessiert kosteten die Frauen den Sauerteig. Herr Eberl beantwortete viele Fragen, etwa, wie oft es vorkomme, dass aufgrund von Missernten kein Mehl auf dem Markt wäre. Was geschieht mit den nicht verkauften Broten? Die Idee, das Brot an die Tafel zu liefern fand großen Anklang.
Die Gäste waren sichtlich beeindruckt von der Vielfalt und dem hohen Qualitätsstandard der Backwaren und dass Herr Eberl Mitarbeiter aus der „ganzen Welt“, derzeit aus Nigeria und Afghanistan, ausbildet und beschäftigt.


Hier dürfen wir zuschauen, wie Brezen mit Lauge und Salz bestrichen werden, bevor sie in den Ofen kommen…


…um anschließend noch warm von uns genüsslich verzehrt zu werden.

Wenige Kilometer weiter begrüßten uns Martin Sonner und seine Frau Veronika, Inhaber der Off-Mühle in Sindelsdorf, ebenfalls Mitglied der Solidargemeinschaft OBERLAND.


Martin Sonner führte die Kenianischen Landfrauen an die einzelnen Stationen des Vermahlens. „Mir gefiel der Gang durch die Mühle, wo wir jede Phase des Mahlvorganges sehen konnten“ kommentierte eine Teilnehmerin den Besuch der Mühle.


Die Frauen nahmen Getreide, Schrot und Mehl genau unter die Lupe. Auch die Getreideanlieferung per Traktor und Anhänger eines Landwirtes aus Starnberg konnten sie verfolgen.


Einer Teilnehmerin gefiel die Nutzung der natürlichen Ressourcen (Bachwasser) um die Mühle herum. Auch die gute durchgängige Qualitätskontrolle fanden sie beeindruckend.
„Ein großes Familienunternehmen mit Mühle und sehr schönem Laden – alle helfen mit“.

Den Nachmittag verbrachten wir bei dem jungen Start Up Unternehmen „completeorganics“ am neuen Standort in Aschheim. Die beiden Geschäftsführer, Sebastian Koch und Boris Varchmin, erklärten uns anschaulich wie sie vor zwei Jahren begannen, roh fermentiertes Bio-Gemüse ohne Pasteurisierung herzustellen und zu vermarkten. Sie hätten sehr viel Zeit in die Entwicklung des Verfahrens und der Rezepte investiert und immer wieder neu probiert. Der Erfolg stellt sich nun ein, die Nachfrage steigt. Bald hoffen sie, ihre Produktionsanlagen technisch weiter verfeinern zu können. Unsere Frauen waren angetan vom geringen Maschineneinsatz – denn auch daheim in Westkenia ist der Mechanisierungsgrad gering und eigentlich wird alles in Handarbeit gefertigt.


Die Konservierung von Gemüse mit Wasser und Salz ohne weitere Zusatzstoffe war unseren kenianischen Frauen in der Form nicht bekannt. Eine Teilnehmerin meinte: „Die Landwirte zuhause in unserer Region verwenden viele Chemikalien, was für unsere Gesundheit gefährlich ist. Ich wusste nicht, dass der biologische Landbau funktionieren könnte. Es ist beeindruckend und ausgezeichnet.“


Alle werden eingehüllt in Schutzkleidung, bevor wir die Produktions- und Abfüllhalle betreten durften.


Zum Abschluss durften wir das gesamte Sortiment einmal durchprobieren.

Am nächsten Tag stand der fachliche Austausch zu Ernährungsthemen mit Referentinnen der BBV-Landfrauenabteilung im Generalsekretariat in München auf dem Programm.
Ziel war es, den kenianischen Gästen das Spektrum der Landfrauenabteilung aufzuzeigen. Der stellvertretende Generalsekretär Günter Betz begrüßte offiziell die Delegation und nach einer Vorstellungsrunde aller Teilnehmer stellte Frau Dr. Fuß ihre Landfrauenabteilung vor.
Vier Referentinnen gaben sehr anschaulich Einblicke in ihre Aufgabengebiete:
Die Programme für Waldbesitzerinnen, vorgestellt von Dr. Brigitte Klamt, riefen großes Interesse hervor. Florence Wesonga berichtete, dass in Kenia die Frauen früher nicht einmal Bäume pflanzen durften, nun aber die Notwendigkeit der Waldpflege durch den Klimawandel sehr wichtig geworden sei. Es sei ein toller Ansatz, Frauen dabei fachlich zu unterstützen.
Juliane Singer referierte über die Aktivitäten zur Öffentlichkeitsarbeit, Kultur und Traditionen mit Videos verschiedener Landfrauenchöre. Die Gäste fanden es nachahmenswert, dass bayerische Landfrauen in politischen Gremien vertreten sind und so für ihre Bedürfnisse eintreten.
Ein Thema das beide Welten umtreibt ist die Gestaltung einer Zukunft für junge Menschen in der Landwirtschaft. Theresia Sailer erläuterte anhand ihrer persönlichen Situation, wie  junge Landfrauen hier leben. Für die Kenianerinnen war es höchst befremdlich zu erfahren, dass bei uns junge Paare ohne Trauschein oft jahrelang zusammenleben. Das wäre in Kenia nicht möglich – da muss vorher geheiratet werden. Die Seminare speziell für junge Landfrauen und die Zusammenarbeit mit den Landjugendverbänden gaben gute Impulse für die ken. Bäuerinnen.
Alexandra Gregor führte anhand von praktischen Beispielen die bei uns angewandten, verschiedenen Methoden zur Konservierung von Lebensmitteln vor. Der Höhepunkt war dabei das gemeinsame Kochen von Erdbeermarmelade einschließlich korrekter Etikettierung der Gläser.
Zum Abschied sangen die kenianischen Frauen ein traditionelles mehrstimmiges Lied über die Rolle von Vater und Mutter in der Familie – eine besondere Art Danke zu sagen.


Die Gruppe vor den Portraits der bisherigen Präsidenten des Bayerischen Bauernverbandes..


…und beim Vortrag der Referentinnen.


Eine Konservierungsmethode ist das Säuern von Gemüse – Alexandra Gregor erklärt, wie es geht … … und bietet den Teilnehmerinnen Kostproben an.


Margaret Were gibt den Marmeladengläschen den letzten Schliff.

Einen Einblick in die Ausbildung zur Hauswirtschafterin erhielten die Gäste in der Landwirtschaftsschule – Abteilung Hauswirtschaft – am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Holzkirchen. Nach einer herzlichen Begrüßung durch Amtsleiter Rolf Oehler führten uns die stellvertretende Schulleiterin Gerlinde Simon und Frau Theresia Lindermayer durch Schulgarten und Unterrichtsräume der Schule. Amtsleiter Rolf Oehler mit unseren Frauen und ganz links Frau Lindermayer und Frau Simon.

Im Schulgarten, im Vordergrund Buchweizen als Zwischenfrucht.

Besonders das Reinschnuppern in die laufenden Koch- und Nähstunden gefiel den kenianischen Frauen. Sie finden es toll, dass bei uns junge Frauen die Möglichkeit haben innerhalb von sechs Monaten in der Führung eines Haushaltes ausgebildet zu werden. „Zu lernen, das Geld zu verwalten, das du hast, ermöglicht es dir, ein erfolgreicher Unternehmer zu sein.“ In Kenia gibt es bis jetzt keine Ausbildung zur Hauswirtschafterin: Die Frauen dort können einzelne Kurse von Nichtregierungsorganisationen besuchen – aber gelernt wird vor allem zuhause von der Mutter.

 

„Women can!“ So beschrieben die Gäste den Besuch bei der Naturkäserei Tegernseer Land in Kreuth mit einer Frau als Vorstandvorsitzende. Frau Sophie Obermüller steht seit kurzer Zeit an der Spitze der Genossenschaft und hat uns viele wertvolle Einblicke in ihre Arbeit gegeben.

Frau Obermüller erzählte sowohl aus der Perspektive der Bäuerin, die täglich die Milch ihrer Kühe an die Naturkäserei liefert, als auch aus der Perspektive der Genossenschaft, die die Milch ankauft und verarbeitet. Die Struktur der Genossenschaft mit den aktiven und passiven Mitgliedern, der Abstimmungsprozess in der Genossenschaft, die Herausforderungen in der Produktion, Vermarktung und Preisfindung. Die Frauen sprachen sehr anerkennend über die mittlerweile 10-jährige Aufbauarbeit  und meinten einstimmig: „Teamarbeit ist der Schlüssel zum Geschäftserfolg“.

 

Freitag morgen besichtigten wir den Thomahof der Familie Seidl bei Königsdorf. Hier konnten die Frauen einen landwirtschaftlichen Betrieb sehen, der seine Rinder und Schweine seit gut 30 Jahren im hofeigenen Laden vermarktet. Bauer Sebastian Seidl zeigte uns den landwirtschaftlichen Betrieb.

Sarah bewunderte die Jahresplanung der Seidl´s, so dass immer genügend Produkte zur Verfügung stehen. Alle Familienmitglieder seien Teil der Produktion und Verarbeitung, dabei gefiel ihr vor allem die frühe Einbeziehung der Kinder in den Betrieb. Das werde sie jetzt zuhause auch machen.

Schwiegertochter Heidi Seidl, die übrigens die Hauswirtschaftsschule in Holzkirchen besucht hatte, führt gemeinsam mit ihrem Mann den Hofladen mit Metzgerei und Bäckerei. Obwohl der Laden nur Freitag und Samstag geöffnet habe, brauche sie die ganze Woche, um die Produkte dafür herzustellen bzw. zu besorgen.

 

Das Wochenende verbrachten die Frauen bei unseren Bäuerinnen, die bereits in Kenia gewesen waren. Das war für alle ein Höhepunkt, die Mitarbeit auf dem Hof, sei es in der Küche oder im Stall und das Mitleben in den Familien.

Florence Wasonga und Sarah Nyangala waren bei Beate Schmid zu Gast.

Violet Wandera und Linda Wachie verbrachten die Tage bei Rita Blümel.

Prexides Wanyama war bei Maria Urban zu Gast.

Margaret Were besuchte Renate Stöckl.

Millicent Ogolla war auf dem Hof von Waltraud Ranz.

Daphne Muchai erhielt Einblick in den Betrieb von Anneliese Göller.

 

Am Montag besichtigten wir die Naturküche Wieshof von Kräuterpädagogin und Gartenbäuerin Elisabeth Doll in Marnbach. Frau Doll hat ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht und einen großen Garten gegliedert nach verschiedenen Themen angelegt. Sie bietet Führungen durch ihr Gartenreich und Seminare dazu an.


Auf unserem Programm stand: gemeinsames Zubereiten unseres Mittagessens mit Gemüse und Kräutern aus dem Garten. Die Frauen zeigten sich beeindruckt, von der Vielzahl an Kräutern, deren Anwendung und den Konservierungsmethoden für den späteren Gebrauch, besonders im Winter.


Eine Teilnehmerin meint:“ Es war für mich eine gute Erfahrung, für die verschiedenen Lebensmittel und Gewürze neue Kochmethoden kennen zu lernen.

Unsere letzte Exkursion führte zum Hofgarten Pfaffenwinkel von Thomas Schweyer in Unterhausen. Der Permakultur-Betrieb ist noch jung, derzeit wird Gemüse, Obst, selbstgebackenes Brot und mehrmals im Jahr Fleisch vom Duroc-Schwein direkt ab Hof verkauft.


Herr Schweyer erzählte, dass er vor einigen Jahren sein Feld – am Hof und entlang eines viel befahrenen Fahrradweges gelegen – nicht mehr weiter verpachtete, sondern einen Selbstversorgergarten für sich und seine Familie anlegen wollte. Einige Radfahrer, die regelmäßig an seinem Hof vorbeiradelten, sahen den Garten und fragten an, ob sie denn hier Gemüse kaufen könnten. So fing alles an.

Hinzu kamen Duroc-Schweine, Hühner, Enten und Bienen.


Zum Abschluss gab es selbstgemachten Zucchinikuchen – er schmeckte den Frauen hervorragend und sie wollten gleich das Rezept dazu haben.
Das Resümee der kenianischen Frauen: Es ist wichtig, sich mit seinem Produkt von den anderen Anbietern abzuheben, damit die Nachfrage hoch ist und bleibt.